Deutsche Fahne, schwere Fahne.

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Alle Jahre wieder, genau genommen alle zwei Jahre wieder, soll ich mich gefälligst schlecht fühlen. Immer dann, wenn Fußballer unterschiedlicher Nationen unter unterschiedlicher Beflaggung in Reih und Glied zur Hymne antreten, um anschließend den von nepalesischen Kindern genähten Nichtangriffspakt mit Füßen zu treten, drehen die jungen Linken komplett durch.

Entartete Kunst
Die linksintellektuelle Arroganz, die mir in Studientagen (Politik, KoWi, Soziologie) schon bizarr vorkam, wenn zu billigem Tetrapack-Rotwein aber teurem Fairtrade-Kaffee inbrünstig über Max Weber gestritten und Karl Marx vermisst wurde, während der WG-IM nur Tocotronic und Ton, Steine, Scherben in seinem CD-Spieler erlaubte, wird mir von Turnier zu Turnier immer suspekter.

Wie ein radikalisierter Veganer, der eine Pfanne nicht benutzt wenn darin schon totes As gebraten wurde, verteidigte man das Hoheitsgebiet der HiFi-Anlage zu geduldeter Kunst und an der Wand hing eine gebatikte Weltfriedensflagge – von dem letzten Trip nach Goa.

Finden wollte man sich selbst. Gefunden hat man die Scheisserei.

Die Grenze der Toleranz: Der eigene Tellerrand.

Schon damals konnte ich nicht verstehen, wie man Toleranz und Weltoffenheit als größte Errungenschaft für sich selbst beanspruchen kann, wenn das eigene Weltbild so klein und die eigene Toleranz ihre Grenze am eigenen Tellerrand – in der Größe einer Untertasse – findet. Solange man sich selbst und die Gruppe in der eigenen Toleranz-Grenze bestätigt, war die (eigene) Welt in Ordnung. Eine Meinung außerhalb der Peer-Group war das personifizierte Übel der Welt. Ein Hauch von SED lag in der freien Luft.
Was richtig und was falsch ist, entscheiden wir.

Alle zwei Jahre, bei einer EM oder WM, wenn 50 Millionen Deutsche zum Fahnenträger werden, wird mir diese Widersprüchlichkeit, als Memo an mich selbst, vor Augen geführt. Dieses Paradoxe, diese sich selbst konterkarierende Inanspruchnahme und Definition von der der Achse des Bösen. Was tolerant ist und was nicht, hat endlich wieder ein Symbol.
Schwarz, rot, gold – Die Farbe des Bösen.

Das ist zu einfach und durchschaubar. Diskutiert man mit Gegnern der Fahne über das Weltgeschehen, fällt keine Anmerkung häufiger als diese: „Das muss man differenziert betrachten.“ Und damit haben Sie recht.

Flüchtlingskrise, Integrationspolitik, Familiennachzug, Brexit, G7, Nato-Einsatz, Sanktionen gegen xyz, Menschenrechte, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Griechenland, Russland, Iran, Nord Korea etc. pp.
Wer macht was? Wer darf was? Wer ist Feind und wer ist Freund? Alles ist vielschichtig, alles hat Geschichte und Ursprung, alles ist kompliziert, alles muss genau und differenziert betrachtet werden. Alles richtig. Muss man. Sehe ich auch so.

Nur bei einer Sache ist man sich schnell einig und eine Differenzierung ist gänzlich überflüssig:
Die Deutschlandfahne. Klare Antwort: Nein!

Ich differenziere dann immer und sage:

„Aber nichts hat einen höheren integrativen Charakter als Sport.“ – „Nein!“

„Beim Public Viewing sah ich eine Muslima mit Kopftuch in schwarz, rot, gold.“ – „Nein!“

„Unsere bunte Nationalmannschaft ist das Aushängeschild unserer bunten Gesellschaft.“ – „Nein!“

„Wie cool ist das bitte, wenn kleine, blonde Kids ein Trikot von Özil und Boateng wollen.“ – „Nein!“

„Man kann seine nationale Identität mögen und trotzdem weltoffen und friedlich sein.“ – „Nein!“

„Seht ein Turnier doch mal als friedliches Fest der Völker. Das wollt ihr doch“ – „Nein!“

„2012, als Deutschland gegen die Türkei spielte, haben Deutsche und Türken danach gemeinsam gefeiert und sind im Autokorso gefahren.“ – „Nein.“

„Die Italiener singen ihre Nationalhymne mit so viel Pathos, als hätten sie einen Marschbefehl erhalten.“ – „Nein! Das sind keine Deutschen. Die dürfen das.“

„Die Fans der anderen Nationen haben auch ihre Fahnen dabei und tragen die Trikots in ihren Farben.“
– „Nein! Das ist aber nicht schwarz, rot, gold. Die dürfen das.“

Genauso wie ich mir manchmal wünsche dümmer zu sein, weil es das Leben einfacher macht, wünsche ich mir manchmal nicht linksintellektuell zu sein, weil es das Leben einfacher macht und dem Tag Struktur gibt, da man sich zumindest darin einig ist das Deutschland schlecht und der Endgegner ist.

Fahnen raus, is Sommer!

Und dann erinnere ich mich an diesen unfassbaren Sommer 2006, als ich mit meinen Jungs und wir mit unseren Deutschlandfahnen in Köln auf eine nette Gruppe Polen trafen und hinterher noch Mexikaner dazu kamen und wir mit Sombreros, Vodka und Bratwurst bis zum Sonnenaufgang auf der Domplatte tanzten.
Das war im wahrsten Sinne des Wortes: Welt-Klasse!

Ihr wollt, dass sich die Völker verständigen, aber seht nicht, dass die Völker sich durch Sport verständigen. Gemeinsame Erlebnisse, im Erfolg und in der Niederlage, verbinden. So wie 2014 in Brasilien. Fremde Menschen in unterschiedlichen Farben bringt der Fußball zusammen. Der traurige Fan im Shirt der Selecao überreicht den Pokal an ein blondes Kind in schwarz, rot, gold. Ich liebe dieses Foto. Das ist Respekt, Verständigung und Frieden.

Deutsche Fahne, voll in Ordnung Fahne.
Feiert doch mal mit.

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