Die Formel der Authentizität.

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Menschen sterben jeden Tag, auch welche die wir kennen. Nicht unmittelbar aus unserem Bekanntenkreis oder der Familie, aber indirekt kennen wir sie. Jedes Mal wenn in der Tagesschau das Hintergrundbild auf das Portrait eines Menschen in schwarz-weiß umgestellt wird, wissen wir, dass es Schauspielerin x, Schriftsteller y oder Musiker z erwischt hat und das finden wir jedes Mal mehr oder weniger schade. Wir werden sie nicht mehr spielen sehen, werden keine neuen Bücher mehr von ihnen lesen und das neue Album wird ein Best Of des Alten sein. Es gibt zwei Todesmeldungen von Menschen, denen ich niemals die Hand schütteln durfte aber bei denen ich mir das Weinen nicht verkneifen konnte: Udo Jürgens und Helmut Schmidt. 

Als ich gestern vom Ableben von Schmidt Schnauze erfuhr und darüber nachdachte warum es mich so berührte, entdeckte ich die Parallele zwischen dem Rationalisten Schmidt und dem Hedonisten Jürgens: Hinter ihre Sätze konnte man einen Punkt machen. Man wusste woran man bei Ihnen war, denn ihre Worte ließen keinen Raum für Interpretationen, sondern für Streitkultur. Niemals plump und verächtlich. Stets wie echte Gentleman. Echte Vorbilder.

In einem Gespräch mit Valéry Giscard d´Estaing über Spiritualität und den Kosmos sagte Schmidt, dass er stets und ausschließlich seinem eigenen Gewissen folge und immer folgen wird und genau darin liegt der Grund für seine Popularität und seine ungebrochene Beliebtheit: Er beherrschte und lebte die simple, doch für viele dennoch nicht umsetzbare Formel von Authentizität: Wort = Tat.

Er handelte nach seinen Überzeugungen und erfuhr oft Widerstand. Gegen die eigene Partei und die Friedensbewegung beim NATO-Doppelbeschluss, gegen den öffentlichen Druck und das Risiko eines Massakers in Mogadishu und gegen Affären und Skandälchen in seiner Ehe mit Loki. Jedoch war er nie wirklich dagegen. Er war nur für seine Entscheidung, die er nur vor seinem eigenen Gewissen traf. Ein den Frieden gefährdender politische Akteur in Europa braucht einen Gegenakteur, keine Verhandlungen mit Terroristen und kein Aufgeben in der Liebe. Manche mögen es stur oder dickköpfig nennen, ich nenne es loyal, integer und hochanständig, das eigene Amt und die Kanzlerschaft zu gefährden und wohlwissend zu verlieren, anstatt sich aus machtpolitischem und egozentrischem Interesse für einen Burgfrieden anzubiedern.

Helmut Schmidt war 96 Jahre lang der lebende Beweis dafür, dass ein großes Leben – ohne Opportunismus, ohne Heuchelei und fernab jeglichen Arschkriechens und Vetternwirtschaft – nicht nur möglich ist, sondern dass genau das der Grundstein eines überhaupt großen Lebens darstellt. Das Schlimmste an seinem Tod ist nicht, dass Politiker aus allen Lagern sich gestern selbst konterkarierten, als sie seine Geradlinigkeit und klare Kante lobten und hervorhoben, die ihnen selbst so oft fehlt. Das Schlimmste an seinem Tod ist, dass wir ihm jetzt nicht mehr zuhören können.

Der Einklang von Wort und Tat ist das, was ich persönlich in der Politik, der Gesellschaft, im Beruf und auch in zwischenmenschlichen Beziehungen so vermisse und ich glaube, dass das der Grund ist warum ich Helmut jetzt schon vermisse. Udo sowieso. Ich glaube zwar nicht an ein Leben danach und bin gänzlich unreligiös, aber sollte es danach irgendetwas geben und wir irgendwo hingehen, dann würde ich gerne eines Abends mit diesen beiden Gentleman im Dreireiher an einem Kamin sitzen, in dicken alten Ledersesseln, Whisky trinken und über Politik, die Gesellschaft und Frauen philosophieren. Nur einen Abend. Helmut und Udo sind schon da.

In Hamburg sagt man Tschüs.

Also, Tschüs, Helmut.

 

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