Die Welt zu Last bei Freunden?

Ich bin Demokrat, Humanist und liberal – durch und durch (die) Mitte. Alles Extreme, links wie rechts, ist mir zu eindimensional.

Derzeit passiert etwas, das ich nicht nachvollziehen kann. Auf der einen Seite – in Freital – gibt es diejenigen, bei denen ein Poster von Franz-Josef Strauß über dem Bett noch geistesmilde und wünschenswert wäre. Immer noch besser als alles zwischen Petry, Heil und Sieg. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die sich zwischen Ché Guevara und der Nationalmannschaft einfach nicht entscheiden können bzw. sich mit der Entscheidung mindestens so schwer tun, wie Sigmar Gabriel mit seinem eigenen Parteiprogramm und Sigmar Gabriels Gürtel mit Sigmar Gabriel.

Diese Menschen, die im 2-Jahres Turnus ihre schwarz-rot-goldenen Baströckchen vom Speicher kramen und im Trikot von Khedira oder Özil – als sichtbares Abzeichen gelungener Integration – unter einer imaginären Weltoffenheitsstange ihren Limbo auf Biegen und Gebrechen durchtanzen wollen. Als wären WM und EM ein immer wiederkehrendes Weltvorstellungsgespräch eines deutschen Image-Langzeitarbeitssuchenden auf der Zweijahreshauptversammlung von Gastfreundschaft Incorporated. Als gäbe es dort das Seepferdchen für erfolgreiches Kraulen im Fahnenmeer.

Sind die Festspiele gelaufen, landen die durchgeschwitzten Insignien einer diffusen nationalen Teilidentität wieder auf dem Speicher. Auf dem Karton steht mit Edding geschrieben: „Das wird man ja wohl (alle 2 Jahre) noch tragen dürfen.“

Was ist diese deutsche Identität und Kultur eigentlich? Ganz ehrlich? Keine Ahnung. Ich habe genug damit zu tun meinen Kopf über Wasser, meine Bude warm und meinen Arsch am kacken zu halten. Ich kämpfe an so vielen Fronten gleichzeitig – für Deutschland habe ich recht wenig Zeit. Was ich jedoch glaube, ist, dass das Abschaffen dieser deutschen Kultur und der identitäts-Untergang, nichts, aber auch rein gar nichts mit der Flüchtlingsdebatte, den Parolen-Einpeitschern von Freital oder allen Brandsatzwerfern auf Asylantenheime – zwischen Füssen und Flensburg – zu tun hat. Und dieser Tage lese ich oft, man würde sich so sehr für Deutschland schämen, dass dieser Untergang nicht nur kein großer Verlust wäre, sondern vielmehr erstrebenswert.

Da ich – wie bereits erwähnt – nicht weiß was deutsche Leitkultur sein soll, will ich über diesen Untergang gar nicht reden. Ich möchte aber die Frage stellen wie man es schaffen kann, zwischen diesem Leitkulturding und Scham eine Verbindung herzustellen bzw. diese Scham empfinden zu können? Ist die Welt zu Last bei Freunden? Als wäre Deutschland das Latentamt für Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Faschismus.

Halt. Stop. Jetzt keine Schnappatmung bekommen. Wir sind uns einig: Es ist völlig indiskutabel, dass jede Form von Fremdenhass, Rassismus, Faschismus und Diskriminierung ein abartig wucherndes Krebsgeschwür einer Gesellschaft ist. Jedoch – und das ist nicht nur des Deutschen Schäferhunds Kern – hat Deutschland das weder erfunden, noch ein Monopol auf diesen Tumor!

Wie kann der Untergang einer „deutschen Leitkultur“ die Lösung sein, wenn sich am Wochenende in den Vereinigten Staaten der KuKluxKlan mal wieder hat blicken lassen? Das Südstaaten-Vorbild von Pegida. Wie kann dieser Untergang wünschenswert sein, wenn prorussische Nationalisten und rechtsradikale Gruppierungen das Zündholz am Pulverfass der Ukraine sind? Wie kann man Faschismus zu einer deutschen Sache machen, wenn regelmäßig in italienischen Fußballtadien der Hitlergruß zu sehen ist – und das nicht nur auf der Tribüne, sondern auch auf dem Spielfeld? Wie kann man…, wenn der islamische Staat Homosexuelle von Dächern wirft. Wie kann man…, wenn Anders Breijvik jugendliche Camper abschlachtet? Wie kann man…, wenn schwarze Schafe, lange Finger und Minarette, durchgestrichen auf Wahlplakaten in der Schweiz zu sehen sind?

Wie kann man diese Transferleistung, von einer wie auch immer gearteten deutschen Leitkultur zu genereller Xenophobie, herstellen? Ich verstehe das nicht. Als ob die Welt ein besserer Ort wäre, wenn Deutschland sich tatsächlich abschafft und dann, von einer Sekunde auf die Nächste, 7 Milliarden Menschen auf ein und derselben Empathie-Stufe stünden und ihre intellektuelle Leistungsfähigkeit explodiert.

Ich schäme mich nicht für Deutschland. Wahrscheinlich fühle ich Deutschland dafür zu wenig.

Ich schäme mich für Menschen die anderen Unrecht und Leid antun. Ich schäme für mich Menschen die sich über andere stellen und alles niedermetzeln, was Ihnen ideologisch nicht passt. Ich schäme mich für Ferguson und Freital gleichermaßen.

Weder die Existenz noch die Nicht-Existenz Deutschlands haben Einfluss auf dieses globale Geschwür und deswegen müssen wir – insofern wir eine aufgeklärte Gesellschaft sein wollen – Menschen aufklären und nicht Länder abschaffen.

 

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