Lieber Jürgen,

es gibt diese Tage im Leben, die sich unwirklich anfühlen. Meistens, wenn sich eine Kündigung ankündigt. Du kennst diese Phase – diese Tage und Wochen – kurz vor einer Trennung. Etwas liegt in der Luft und dir quer im Magen, der Hals ist leicht angeschnürt und deine Tage tragen die Überschrift: Appetitlosigkeit. Du bekommst Festes schwerer runter als Sven Bender von den Beinen und der oberste Knopf am Hemd will nicht rein – wie Torschüsse von Micky.

Scheiß Trennung. Nicht vom letzten Glas Gintonic vor der ersten AA-Selbsthilfegruppe, der letzten Zigarette an Silvester oder dem finalen Akkord einer überragenden, durchgetanzten, letzten Nacht. Auf dem Dancefloor ein zerknüllter Flyer. Buchstaben in Neongelb: Tanz ab.
Diese Trennung beseelt dich nicht, sie reißt dir die Seele raus.

Wie Wembley, 2013, 89. Minute. Robben. Ausgerechnet Robben. Schlimmer. Ausgerechnet viel schlimmer. Du gehst.
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Wir kennen sie alle, diese Phase, in der das Damoklesschwert an einem seidenen Faden über uns schwebt und jeden Moment fallen kann, um den noch dünneren Faden unserer schwatz-gelben Trikots von #Kappa zu kappen. Die Klinge geschliffen von allem Ungesagten und mit jedem Moment schärfer werdend, in dem es ungesagt blieb. Dann hast du Schluss gemacht. Einfach so.

So muss ich das einfach respektieren. Ich hätte zwar noch um uns gekämpft, aber du hast Schluss gemacht. #kerkerker.

Ich wollte dir gestern schon schreiben, konnte aber noch nicht. Diese, unsere Trennung fühlt sich an wie scheiß Liebeskummer. Blass und blutleer. Wie ein Vampir. From Mats till Durm.

Liebeskummer und Trauer sind Lücken, die jemand hinterlässt und man denkt, dass sie niemand jemals wird schließen können. Sicher, andere Mütter haben auch schöne Trainer – aber das will ja keiner hören. Du bist der Einzige! Für uns. Und das es weniger Coaches als Frauen auf der Welt gibt, macht es auch nicht unbedingt besser.

Verstehen kann das nur, wer schwatz-gelb lebt und atmet. Wie will man das, was in den letzten 7 Jahren zwischen uns passiert ist, auch anderen Fans erklären? Sollen sie sich lustig machen über uns und unsere #echteliebe. Is scho Recht, Shinji-San mia san.

Das Gefühl zwischen Menschen können nur Beteiligte verstehen. Das wesentliche Merkmal von Intimität: Beteiligt sein! Nur wir sind beteiligt. Lasse reden.

Nur die Beteiligten fühlen sich elend und feiern zugleich – vor und auf der Süd – weil alle alles gegeben haben (vor und auf der Süd). Du hast das verstanden. Du hast die Stadt verstanden. Du hast die Menschen verstanden. Du hast Borussia Dortmund verstanden. Und gelebt.

In Dortmund wird Fußball malocht und scheiße, was hast du an der Seitenlinie malocht. Weißt du noch, dein Sprint in Hamburg und dein Pläuschchen in Neapel? Du hast manchmal mehr Linien gezogen als Kuba, mehr angezogen als Turbomeyang. Wer soll denn das jetzt machen? Das kann keiner so wie du. Ich will keinen, außer dich. Meinetwegen hau mich oder den Lukasz, aber bitte nicht rein.

Ich versuche bessere Worte zu finden, konnte schwer schlafen und die Nacht war dementsprechend kurz. Ich finde jedoch nichts, was treffender ist als das Wort: Lücke!

Bei anderen Vereinen ist das so, dass dann einfach ein neuer Trainer kommt. Der übernimmt. Tagesgeschäft. Business as usual. Das Kettenkarussell macht hier und da mal halt. Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Bei uns war das anders. Unsere Verbindung war eine ganz Besondere. Vor dir gab es auch besondere Momente, aber du warst der erste richtige Höhepunkt, nach jahrelanger und teilweise viel zu doller Masturbation. Eine Lücke kann nur von einem Gefühl der Einzigartigkeit hinterlassen werden. Du warst einzigartig. Unserer Zeit war einzigartig. Unsere Zeit ist vorbei. Lücke.

Wenn dich eine Frau verlässt, gehst du mit deinen Jungs einen saufen und sie trichtern dir Bier und den Gedanken ein, dass es – rein theoretisch – noch mindestens 30 Millionen andere Frauen in Deutschland gibt. Und spätestens nach dem 5 Bier denkst du: Titten. Mega geil, let´s do this!

Wenn dich ein Coach wie du es bist, verlässt, wird dir relativ schnell klar, dass da vielleicht 3 Alternativen auf dem Markt sind. Wenn überhaupt. Und die Wahrscheinlichste ist auch noch Tuchel. Nicht mal Titten. Und du musst vor dem ersten Bier schon speien.

Die Einzigartigkeit unserer Verbindung erkenne ich für mich auch daran, nicht mal bei Hitzfeld ein Tränchen verdrückt zu haben. Bei dir schon.

Irgendwann kommt der Tag, an dem ich mich bei dir bedanken werde – aber der ist noch nicht heute. Ich bin noch zu enttäuscht und auch ein bisschen sauer, dass du uns aufgibst, ohne mit und für uns weiter zu kämpfen, obschon ich das nicht sein sollte und obschon es dein Liebesbeweis ist.
Heute ist einer dieser unwirklichen Tage und heute ist es noch zu früh für ein Danke. Zu früh für mein Danke.

Heute ist einer dieser unwirklichen Tage, an dem die Realität an mein Hirn anklopft und ich stehe, mit einem offenen und einem verkniffenen Auge am Guck meiner Wohnungstür, schleiche auf Zehenspitzen umher und mache nicht auf – weil ich den Besuch nicht wahrhaben und schon gar reinlassen will.

Heute ist einer dieser unwirklichen Tage, an dem ich dir mit dem letzten Fünkchen Hoffnung sagen möchte:

Egal wann un wo – wenn de zurück innen Tempel wills, sachse Bescheid. Ich komm bei und hol dich ab. Egal wo de grade bis.

Dein,
Andre.