Mobbing, Dass…?

Es ist ein freies Land. Niemand ist dazu verpflichtet jemanden zu mögen und niemand muss den Stil eines Moderators mögen. Niemand muss mich mögen, niemand muss dich mögen und niemand muss Markus Lanz mögen – und das ist auch gut so, meine Damen und Herren.

Was am Samstag Abend via Twitter begann und den ganzen Sonntag über, flächendeckend auf Titelseiten, Feuilletons und in sozialen Netzwerken fortgesetzt wurde, hatte jedoch etwas grundlegend perverses, welches mich in dieser exzessiven Schamlosigkeit – offen gesprochen – wirklich angewidert hat.

Sicherlich, einige Fragen und Anmerkungen von Lanz waren grenzwertig und mehr als unglücklich gewählt. Doch gibt es in meinen Augen einen eklatanten Unterschied zwischen konstruktiver Kritik, kreativen Wortspielen, kabarettistisch-anmutender Gaukelei und plumpen, stupiden Beleidigungen und Provokationen im Buhlen um die reißerischste Headline, die weit unterhalb des schlimmsten Stammtischniveaus anzusiedeln sind.

Anstelle der Einreihung in diesen Pöbel, der sich blitzschnell zu digitalen Barrikadenkämpfen am Smartphone und Tablet (selbstverständlich in der Sicherheit und Anonymität auf dem heimischen Sofa) versammelte, könnte man sich zum Beispiel mal vorstellen, wie sich ein Moderator wohl fühlen muss und welch unmenschlicher Druck auf ihm lasten mag,wenn er eine 34-jährige Fernsehgeschichte abzumoderieren hat. 

Wenn er, in bester Guttenbergesker Tradition, vom Liebling zum Prügelknaben der Nation mutierte, die sich – van Lanz persönlich – um einen Teil der Samstagabendgestaltung betrogen fühlt.

Wie es ihm wohl gehen mag, wenn er rausgehen muss und sich vor eben diese Nation zu stellen hat. Wohl wissend, dass rund 10 Millionen Menschen an seinen Lippen kleben werden – auf Fehler, Versprecher und die geringstmögliche Angriffsfläche wartend. Wohl wissend, dass eine Soko aus BILD-Redakteuren das Weiße im Auge hat und seit Tagen mit den Hufen scharrt und wohl wissend, dass Hunderte Feuilletonisten, von Füssen bis Flensburg, jeden Satz mit chirurgischer Präzision und mithilfe eines frischen redaktionellen Skalpells, grobschlächtig zerstückeln werden.

Na, hört sich nach einem geilen Job an, oder?

Ich habe mir hingegen eine ganz andere Frage gestellt bzw. mich in ein Gedankenspiel begeben, zu dem ich euch kurz einladen möchte:

Man stelle sich vor, rein hypothetisch, Markus Lanz hätte sich am Sonntagabend, nachdem er zum Rezipienten seines eigenen Weges zur Schlachtbank wurde, wie Robert Enke vor den Zug gestellt, weil er dem Druck nicht mehr standhalten konnte.

Wetten, dass die BILD-Zeitung nach: „Diese Momente machen uns den Abschied so leicht.“ nicht titeln würde: „An dem Moment dieses Abschiedes tragen wir eine Mitschuld.“

Nein. Jedoch lege ich meine linke Hand und zusätzlich noch meinen rechten Hoden dafür ins Feuer, dass ein laues Lüftchen des kollektiven Trauerduktus durch den Blätterwald wehen würde und in den nächsten zwei Wochen in jeder Talkshow das Thema wäre, welchen öffentlichen Druck eine öffentliche Person ertragen kann, muss und sollte.

Die Stimmung würde von tiefer Beleidigung zu tiefer Betroffenheit, von humorloser Häme zu hanebüchener Huldigung, von asozialem Auslachen zu anstandsloser Anteilnahme umschlagen. In Blitzkrieg-Geschwindigkeit würde der moralische Schlagbaum fallen und die Grenze des guten Geschmacks definieren und abriegeln, zumindest eine Zeit lang.

Das ethische Ausreiseverbot hat dann Bestand, bis das kollektive Gedächtnis, durch als ausreichend empfundene öffentliche Trauer vergessen hat bzw. hinlänglich verdrängen konnte, und der Spaß daran neu entdeckt wird, den man empfindet, wenn der Grenzer aufmacht und mandie nächste Sau gefunden hat, die man munter mit Hashtag-Heugabeln durchs digitale Dorf jagen kann. 

Richtig, bei Robert Enke kamen Depressionen hinzu. Ausschlaggebend für seine Tat war jedoch maßgeblich der Druck, der jede Woche auf ihm als Torwart lastete, der immer funktionieren musste, immer beobachtet wurde, immer bewertet wurde und bei jedem Fehler der Schuldige war.

Auch wenn der Vergleich also nicht als hundertprozentige und wasserdichte Maßgabe dient, liegt die Parallele dennoch auf der Hand und soll ein Denkanstoß sein. Dazu, wie wir kritisieren, wie wir Unmut äußern und am Ende des Tages auch, welche Verantwortung wir als Teilnehmer eines interaktiven Barrikadenkampfes, den Personen des öffentlichen Lebens gegenüber, haben.

Es ist ein bisschen wie bei „Wer wird Millionär“. Auf dem Sofa ist alles so wahnsinnig easy. Hätte ich aber gewusst was Lanz wusste und hätte ich da rausgehen müssen, ich hätte mir vorher im Sanitätshaus eine Packung Erwachsenenwindeln gekauft.

Abschließend konstatiere ich zwei Dinge:

1. Für den Umgang mit Markus Lanz, die Berichterstattung über „Wetten, dass…“ und die maximale Abwesenheit von Empathie in den Netzwerken, ist das Wort unwürdig erfunden worden.
2. Ich habe wunderschöne Hoden die ich gerne behalten möchte.