7 Gründe, warum wir Weltmeister werden.

Its been a while. Um genau zu sein 24 Jahre seit dem letzten Triumph bei einer Weltmeisterschaft unserer Jungs. Ich werde ein bisschen nostalgisch weil ich mich gerne an die verwackelten Bilder in Ultra Low Definition erinnere. Die Bilder von Matthäus, Litti, Klinsmann und Völler, die den Weltpokal über den Rasen in Rom tragen. Die Bilder von Franz Beckenbauer, der wie in Trance über eben diesen Rasen schlendert und dabei eine Ruhe ausstrahlt, als würde er gleich im Mittelkreis seine Yogamatte auspacken und zum Sonnengruß ansetzen.

Diese Bilder sind eingebrannt in meinem Kopf, denn es war damals – als 10-Jähriger – mein erstes, ganz bewusst erlebtes Fußballturnier. Es hat mich geprägt und den Grundstein meiner Leidenschaft für dieses Spiel gelegt.

Eine Leidenschaft, die die ganze Palette menschlicher Emotionen bedient. Von Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt. Von Andy Brehmes Elfmeter, über Bierhoffs Golden Goal, bis zum Kopfball von Puyol und dem Stich ins Herz von Grosso. Von der Stille und inneren Anspannung – schon Tage vor Anpfiff – bis zur Polonaise und dem Autokorso, direkt nach dem Abpfiff. HIN-SETZ-EN!!! Von „Gib mir ein Humbatätärä“ zu „Gib dem Schiri eine scheiß Brille.“

Vom Regen in die Traufe. Von den 90 Sekunden bei Dortmund gegen Malaga. Von den 90 Sekunden bei Bayern gegen Manchester. Vom Wembley Tor zu Bloemfontein. Von Ricken bis Robben. Von Gascoine bis Möller. Vom Fußballgott zum Wettergott und dem Gebet für Fritz Walter-Wetter. Von schwindelig gespielten Brasilianern und wie im Rausch spielenden Deutschen. Von Chilenen, die mit dem Messer zwischen den Zähnen und dem weißen im Auge um ihr Leben rennen. Von Fehlentscheidungen, die einen Traum zerstören und Fehlentscheidungen, die einen Traum verwirklichen.

Ich liebe dieses Spiel, weil es weit mehr ist als ein Spiel. Fußball ist unberechenbar und das macht ihn so wunderbar. Fußball ist teilweise unwirklich und eben das macht ihn so wirklich, weil das Greifbare uns doch noch in letzter Sekunde aus den Händen entgleitet und das, was unmöglich erscheint, uns wie aus dem Nichts in den Schoß fällt. Die Surrealität des Spiels zwingt uns zu empfinden und zu begreifen – ob wir wollen oder nicht! Keine andere Wahl.

Sonntagabend werden die alten Bilder von 1990 durch die neuen Bilder von 2014 ersetzt werden. Deutschland wird aus diesen 7 Gründen Weltmeister:

1. Mindset:

Selbstbewusstsein (keine Arroganz) ist der Schlüssel jedes Triumphs. Endlich, nach vielen Jahren, in denen wir uns in Interviews anhören mussten, dass man von Spiel zu Spiel schaue, stellen sich die Jungs schon vor Turnierbeginn und dem ersten Spiel vor die Kamera und sagen: „Wir sind gekommen, um Weltmeister zu werden.“ Nichts anderes zählt. Punkt. Wenn du glaubst, dass du gewinnen kannst, potenziert das die Chance tatsächlich zu gewinnen, maximal. Die Einstellung dieser deutschen Mannschaft ist überragend und vor allem fokussiert. Mertesacker will nicht schön spielen und dann wieder ausscheiden. Müller will nicht die Torkanone, sondern den Weltpokal. Sicher, jede Mannschaft sagt, dass sie Weltmeister werden will. Jedoch ist Mindset der Einklang von Wort und Tat. Es reicht nicht zu sagen das du gewinnen willst. Du musst es glauben. Zu gewinnen ist eine Sache der Einstellung, Mindset eben. Diese deutsche Mannschaft hat diesen Glauben und dadurch das nötige Mindset.

2. Körpersprache:

Vom ersten Spiel gegen Portugal bis zum denkwürdigen und historischen Dienstagabend gegen Brasilien sehen wir ein Team, bestehend aus 11 Türstehern – angeführt vom Chefbouncer Manuel Neuer. Das Auftreten und die Körpersprache dieses Teams spricht eine einzige und eindeutige Sprache: „Du kommscht hier ned rein!“ Dieses Mindset, diese Entschlossenheit, überträgt sich auf die Körpersprache eines jeden Spielers und das hat Auswirkungen auf die Spieler des Gegners. Khedira, Neuer, Schweini, Hummels und Co., signalisieren durch ihre Körpersprache das du machen und beißen kannst, wie du willst, es wird dir nicht helfen.

3. Die Historie:

Wie schön es war, dieses Sommermärchen 2006, nachdem wir die Jungs für den dritten Platz am Brandenburger Tor wie die Weltmeister der Herzen in den Fußballolymp gehoben, gefeiert und gesoffen haben. Damals waren Spieler und Fans wie betäubt von dieser einmaligen Stimmung, die alles in seinen Bann gezogen hat. 2010 sah das dann schon anders aus. Die Mannschaft wollte sich nicht mehr für zweite und dritte Plätze feiern lassen – und das verständlicherweise. Du wirst nicht Profisportler um, Zweiter zu werden. Deutschland steht zum vierten mal in Folge im Halbfinale der WM, zum zweiten Mal im Finale in 12 Jahren und zwischendurch ein EM-Finale 2008 und ein EM-Halbfinale 2012. Alles verloren. Aber Sonntag nicht. Dieses mal nicht. Einige Spieler, wie Mertesacker, Schweini und Lahm, die seit dem Sommermärchen so oft so kurz davor waren, aber auch die Jüngeren, die 2010 und 2012 verloren haben, werden es sich dieses mal nicht nehmen lassen. Dieses Team ist einfach an der Reihe. Wir sind einfach mal wieder dran und niemand weiß das besser, als die Spieler die so oft Zweiter oder Dritter wurden. Sonntag nicht. Sonntag sind wir dran!

4. Die Reife:

Unsere goldene Generation ist erwachsen geworden. Die jungen und wilden Kerle, die 2006 die im Durchschnitt jüngste Mannschaft gestellt haben, sind zu gestanden, routinierten und abgeklärten Vollprofis herangewachsen. Diese Ruhe, mit der ein Khedira im Mittelfeld agiert und die Passsicherheit von Toni Kroos, lassen sie wie programmierte Roboter erscheinen. Manuel Neuer wird selten geprüft, und wenn es doch mal dazu kommt, bleibt er in völliger Gelassenheit stehen und ist dann blitzartig oben, unten, rechts oder links. So spielst du, wenn du seit Jahren im Verein in der Champions League spielst und schon das dritte oder vierte Halbfinale einer WM oder EM bestreitest. Das lässt dich zwar nicht kalt, jedoch machst du dir nicht in die Hose und das hilft. Darüber hinaus hat die Mannschaft Größe und Reife gezeigt, indem sie sich ab der 45. Minute gegen Brasilien schon auf das Finale vorbereitet haben. Mit der zweiten Halbzeit begann die aktive Regeneration. Dass die Argentinier über 120 Minuten gehen mussten und einen Tag weniger Erholung haben, ist ein klarer Vorteil.

5. Das System:

Mit einer so abgeklärten und routinierten Mannschaft wie dieser, kann Jogi Löw taktisch aus dem vollen Schöpfen. Die Variabiltät zwischen einem 4-2-3-1 und einem 4-1-4-1, muss durch Automatismen von den Spielern beherrscht und durch Spielintelligenz auch umgesetzt werden können. Wenige Trainer können behaupten einen Kader zu haben, der dies auch problemlos auf den Rasen bringt. Das sieht zwar nicht immer atemberaubend aus (wie man gegen die USA und Algerien gesehen hat), aber nach den Jahren der zweiten und Dritten Plätze heiligt der Zweck auch manchmal die Mittel. Der deutsche Tempofußball und das schnelle Umschalten funktioniert eben nur gegen Teams, die mitspielen und mit offenem Visier das Spiel bestreiten, wie beispielsweise Portugal und Brasilien. Nur hier ergeben sich die Räume, die ein schnelles Umschalten überhaupt zulassen. Das Spiel gegen Algerien hingegen hat teilweise an Handball bzw. Kreislaufen erinnert. Da braucht es Geduld und tiefer stehende Innenverteidiger, die die Taktik des Gegners auf Konter unterbinden können. Nicht ohne Grund schaltet sich Hummels gegen offensive Mannschaften öfter in den Spielaufbau ein und unternimmt einen Ausflug über die Mittellinie.

6. Die Bank:

Es gibt keine Mannschaft bei diesem Turnier mit einer so starken zweiten Reihe wie Deutschland. Hier ergeben sich zwei Vorteile: Erstens, können bei knappen oder zu kippen drohenden Spielen (Beispiel Ghana mit der Einwechslung von Schweinsteiger und Klose), von außen wichtige Impulse gesetzt werden. Ein weiteres gutes Beispiel ist die Einwechslung von Schürrle gegen Algerien, der dann auch prompt trifft. Einen zentralen Mittelfeldstrategen von Bayern, eine offensive Stammkraft von Chelsea oder den WM-Torschützenkönig einwechseln zu können – puh, andere Coaches würden sich die Finger danach lecken.

Zweitens bietet eine so starke Bank die Möglichkeit der Rotation. Ein Turnier mit sieben Spielen in 26 Tagen ist hart, vor allem weil kein Spieler Urlaub hatte und allen eine lange Saison in den Knochen steckt. Berücksichtigt man die Witterungsverhältnisse in Brasilien, ist es ein wahnsinnig großer Vorteil einem Schweinsteiger, Khedira, Mertesacker oder Hummels, die Möglichkeit der Rotation und damit nichts anderes als Entlastung zu bieten.

7. Die Brasilianer:

Deutschland hat Brasilien im eigenen Land gedemütigt, aber nicht vorgeführt und das ist unfassbar wichtig. Die deutsche Mannschaft verkörpert Mindset und die unbedingte Siegermentalität auf dem Feld, verhält sich jenseits davon jedoch wie stilvolle Gentleman. Andere Teams hätten beim Stand von 5:0 angefangen zu zaubern und Hacke-Spitze-Eins-Zwei-Drei zu spielen. Nicht so die Deutschen. Sie wissen, wie sich das anfühlt, im Halbfinale zu scheitern. Sie wissen, wie herzzerreißend brutal es sich anfühlt, im eigenen Land zu scheitern. Aber – und das ist viel wichtiger – sie wissen, dass sich das einfach nicht gehört und unsportlich ist. Weil sich die Mannschaft sportlich so groß, und wie echte Champions verhalten hat, werden alle Brasilianer auf unserer Seite sein. Alle. Darüber hinaus will kein Brasilianer, dass die Argentinier in ihrem Land Weltmeister werden. Das ist so, als würde der BVB die Meisterschaft in der Turnhalle auf Schalke für sich entscheiden. Die fanatischen Fans der Selecao, werden Sonntag zu fanatischen Fans der „Mannschaft“.

Diese sieben Gründe machen mich so sicher, dass das am Sonntag gut für uns ausgehen wird. Die Bilder von Beckenbauer und Matthäus werden ersetzt durch die von Löw und Lahm. Obwohl, Nein, sie werden nicht ersetzt, sie rücken etwas tiefer in den Hintergrund des Gedächtnisses. Und ich freue mich darauf. Wir sind einfach dran. In diesem Turnier sind wir einfach an der Reihe und ich bin mir so sicher, weil das jeder deutsche Spieler verkörpert und lebt.

Ich freue mich – wie damals der kleine 10-jährige – auf das Trikot mit dem vierten Stern.